Bohrergebnisse lesen: Was hinter Meldungen von Rohstoff-Explorern steckt
Bohrmeldungen sind die wichtigsten Nachrichten eines Explorers — und die am leichtesten misszuverstehenden. Was Gehalt, Mächtigkeit und Bohrlänge bedeuten und welche Angaben fehlen dürfen und welche nicht.
Carsten Schmider5 Min. Lesezeit
Das Wichtigste in Kürze
Die drei Zahlen und wie sie zusammengehören
Eine typische Meldung nennt einen Abschnitt wie „X Meter mit Y Gramm pro Tonne ab Z Metern Tiefe". Alle drei Angaben sind nötig.
Der Gehalt sagt, wie viel Wertmetall in einer Tonne Gestein steckt. Was ein guter Gehalt ist, hängt vollständig vom Rohstoff und von der Abbauart ab — Zahlen aus verschiedenen Projekten lassen sich nicht ohne Weiteres vergleichen.
Die Mächtigkeit sagt, über welche Strecke dieser Gehalt vorliegt. Ein hoher Gehalt über wenige Zentimeter ist wirtschaftlich meist bedeutungslos.
Die Tiefe entscheidet über die Abbaukosten. Was nahe der Oberfläche liegt, lässt sich im Tagebau gewinnen; was hunderte Meter tief liegt, erfordert Untertagebau und damit eine ganz andere Kostenrechnung.
Bohrlänge und wahre Mächtigkeit
Ein Bohrloch trifft eine Erzstruktur selten im rechten Winkel. Verläuft die Bohrung schräg zur Struktur, ist die gemessene Länge im Bohrkern größer als die tatsächliche Dicke der Struktur. Seriöse Meldungen geben deshalb an, ob es sich um Bohrlänge oder um geschätzte wahre Mächtigkeit handelt.
Fehlt diese Angabe, ist das kein Beweis für Absicht — aber es ist die erste Nachfrage, die sich lohnt.
Wie aus einem mittelmäßigen Ergebnis ein gutes wird
Der häufigste Kunstgriff ist die Wahl des berichteten Abschnitts. Aus hundert Metern mit niedrigem Durchschnittsgehalt lässt sich ein Abschnitt von zwei Metern mit sehr hohem Gehalt herausschneiden und in die Überschrift setzen. Beides ist wahr; nur erzählt das eine die Geschichte des Projekts und das andere nicht.
Ein Gegenmittel ist einfach: Suchen Sie in der Meldung nach der vollständigen Tabelle aller Abschnitte, nicht nur nach den in der Überschrift genannten. Fehlt sie, ist das eine Information für sich.
Ebenfalls verbreitet ist die Angabe in Äquivalenten — mehrere Metalle werden über Preisannahmen zu einer Zahl verrechnet. Das ist zulässig und oft sinnvoll, aber das Ergebnis hängt an den unterstellten Preisen, die in der Fußnote stehen.
Vom Bohrergebnis zur Mine ist es weit
Die Reihenfolge ist lang und die meisten Projekte kommen nie ans Ende: erste Bohrungen, dann eine nach Standard klassifizierte Ressource, dann Studien zur wirtschaftlichen Machbarkeit in mehreren Genauigkeitsstufen, dann Genehmigungen, dann die Finanzierung des Baus — der bei einem mittelgroßen Projekt schnell dreistellige Millionenbeträge verschlingt.
Jede dieser Stufen ist eine Hürde, an der ein Projekt scheitern kann, und jede dauert Jahre. Wer eine Bohrmeldung liest, sollte wissen, an welcher Stelle dieses Wegs das Unternehmen gerade steht.
Häufige Fragen
Was ist ein guter Gehalt?
Das lässt sich nur im Vergleich innerhalb desselben Rohstoffs und derselben Abbauart beantworten. Sinnvoll ist der Vergleich mit den Gehalten produzierender Minen desselben Typs und mit den Annahmen, die das Unternehmen selbst in seinen Studien zugrunde legt.
Warum steigt der Kurs manchmal trotz guter Bohrergebnisse nicht?
Weil der Markt das Ergebnis erwartet hatte, weil die Finanzierungslage die Aussicht überlagert, oder weil ein einzelnes gutes Bohrloch die Gesamteinschätzung des Projekts nicht verändert. Gute Nachrichten wirken nur, wenn sie neu sind.
Kann man Bohrergebnisse als Laie überhaupt beurteilen?
Vollständig nicht — dafür braucht es Geologie. Aber man kann prüfen, ob die Meldung die nötigen Angaben enthält, ob die vollständige Tabelle vorliegt, ob wahre Mächtigkeiten genannt werden und ob eine qualifizierte Person zeichnet. Das trennt schon einen großen Teil der Spreu vom Weizen.
Carsten Schmider
Analyst für Small und Micro Caps im deutschsprachigen Raum. Seit 2003 mit eigenem Researchhaus, mit Schwerpunkt auf den Spezialsegmenten OTCBB, TSX-V und ASX.
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