Warum Nebenwerte in Marktkrisen zuerst fallen — und was daraus folgt
In breiten Marktrücksetzern verlieren kleine Werte regelmäßig stärker als große, und sie erholen sich später. Woran das liegt, warum Diversifikation dann weniger hilft als erwartet und welche Konsequenzen das für die Depotgröße hat.
Carsten Schmider4 Min. Lesezeit
Das Wichtigste in Kürze
Der Mechanismus dahinter
Wenn Anleger Geld brauchen oder Risiko abbauen, verkaufen sie zuerst, was sich leicht verkaufen lässt — und dann, was sich überhaupt verkaufen lässt. In dünnen Werten trifft dieser Verkaufsdruck auf ein schmales Orderbuch. Wenige Verkäufe reichen dann für zweistellige Kursverluste, ohne dass sich am Unternehmen etwas geändert hätte.
Dazu kommt der Anlegerkreis. Kleine Werte werden überproportional von Privatanlegern und spezialisierten Fonds gehalten. Beide Gruppen reagieren in Stressphasen empfindlich: Der eine verkauft aus Sorge, der andere, weil er Mittelabflüsse bedienen muss.
Warum Diversifikation dann weniger hilft
Ein Depot aus zwanzig verschiedenen Explorern fühlt sich diversifiziert an. In einer allgemeinen Risikoflucht ist es das kaum: Alle zwanzig hängen an denselben Faktoren — Risikoneigung, Rohstoffpreise, Verfügbarkeit von Finanzierungen. Korrelationen, die in ruhigen Zeiten niedrig aussehen, laufen in der Krise gegen eins.
Echte Streuung entsteht in diesem Segment weniger über die Zahl der Werte als über die Gewichtung gegenüber liquiden Anlagen außerhalb davon.
Der zweite Treffer: die Finanzierung
Für ein Unternehmen ohne Einnahmen ist ein Kurseinbruch nicht nur eine Bewertungsfrage. Die nächste Kapitalerhöhung erfolgt zum gefallenen Kurs — es müssen also mehr Aktien für dieselbe Summe ausgegeben werden, und die Verwässerung fällt entsprechend höher aus.
Trifft der Einbruch ein Unternehmen mit kurzem Runway, verschärft sich das zum Zwang: Es muss finanzieren, wann immer es kann, nicht wann es will. Genau hier entscheidet sich oft, welche Unternehmen einen Abschwung übersteht.
Was daraus für die Praxis folgt
Den Zeitpunkt zu treffen ist keine belastbare Strategie. Was sich planen lässt, ist die Größe.
Drei Fragen, die sich vorher beantworten lassen: Wie viel Prozent des Gesamtvermögens steckt in diesem Segment? Halte ich genug außerhalb, um in einem Rücksetzer nicht verkaufen zu müssen? Und habe ich die Positionen so bemessen, dass ich einen Rückgang aushalte, ohne im schlechtesten Moment auszusteigen?
Wer diese Fragen vorab klärt, muss sie nicht in der Krise beantworten — und das ist der eigentliche Vorteil.
Häufige Fragen
Erholen sich Nebenwerte nach einer Krise stärker?
Häufig ja, aber später als der breite Markt und nicht zuverlässig für den einzelnen Wert. Ein Index kann sich erholen, während einzelne Unternehmen aus ihm verschwinden.
Hilft ein Stop-Loss bei illiquiden Werten?
Nur bedingt. In einem dünnen Buch kann die Ausführung deutlich unter der gesetzten Marke liegen, und einzelne Ausreißer lösen die Order aus, ohne dass ein echter Trend vorliegt.
Sind Nebenwerte deshalb ungeeignet?
Nicht ungeeignet, aber ungeeignet für Geld, das kurzfristig gebraucht wird. Das Segment verlangt einen Anlagehorizont, der einen mehrjährigen Rücksetzer aushält.
Carsten Schmider
Analyst für Small und Micro Caps im deutschsprachigen Raum. Seit 2003 mit eigenem Researchhaus, mit Schwerpunkt auf den Spezialsegmenten OTCBB, TSX-V und ASX.
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